Tom

 

Die Geschichte von Tom (Herbst 1991 - Juni 2001)

Die Geschichte von Tom ist sehr traurig. Ich fand Tom in unserer Waschküche. Jemand hatte ihn durchs Fenster in den Keller geworfen. Ein klitzekleines schwarz-weißes Häufchen Elend, aber fauchen konnte er wie ein Weltmeister. Er hatte Wunden, als hätte man ihn durch Stacheldraht gezogen. Nach zwei Wochen war er auf das dreifache Volumen angewachsen.

Tom konnte nicht reden. Was er erlebt hat, hat ihm sicher die Sprache verschlagen. Er hatte Angst vor allem und jedem, besonders vor Männern. Ich war die einzige, die ihn streicheln und viel später auch auf den Arm nehmen durfte. Das hat sich nie geändert. Er war ein extrem scheuer und schreckhafter Kater, zu mir aber sehr liebevoll und zärtlich. Tom hat alle meine Umzüge klaglos mitgemacht, allerdings musste ich ihn immer narkotisieren, um ihn in seinen Korb zu kriegen. In Schweinfurt gefiel es ihm besonders gut, hier gab es eine riesige Wohnung in einer riesigen Villa mit parkähnlichem Auslauf. Man merkte förmlich, dass er da glücklich war. Er hat sich sogar mit der Nachbarin angefreundet und ließ sich von ihr streicheln. Als mein Mann gestorben war, konnte ich die Wohnung nicht mehr halten. Also nahm ich meine Katzen und ging weg, nach Gudensberg. Das war im Februar 1999. Als Tom aus seiner Narkose aufwachte, traf er auf eine Horde von fremden Männern, die mit meinem Wintergarten zugange waren. Das hat er sich zwei Tage lang  völlig verängstigt angesehen und ist dann durch den Wintergarten verschwunden. Ich hörte sehr lange nichts von ihm, obwohl ich suchte und suchte. Nach etwa einem halben Jahr meldete sich ein junges Pärchen mit den Worten „wir füttern Ihren Kater immer“. Ich bin also hingefahren, es war Luftlinie vielleicht 800 Meter entfernt. Als ich zu dem Haus kam, wusste ich, warum Tom  sich diesen Ort ausgesucht hatte. Alles war Original so wie in Schweinfurt, auch wenn das Haus viel kleiner war: Die Garage im Hang unterhalb des Hauses, der Weg durch den Garten bis zum Eingang, der Eingang hinter dem Haus und die wilde Wiese, die in einem Wald überging. Für Tom musste das Schweinfurt sein. Sogar die Farbe des Hauses war gleich. Josefin und Jens hatten ihn täglich gefüttert, aber er wollte nie ins Haus kommen. Als er mich sah, war die Freude groß. Also holte ich bei der TÄ wieder mal Narkosetabletten und verfrachtete ihn in sein neues Zuhause. Beim ersten Mal entwischte er mir über das Dach, von dem man wegen der Höhe eigentlich nicht runterspringen konnte. Beim zweiten Mal zwängte er sich durch ein gekipptes Fenster. Immer wieder fand ich ihn an dem Haus, das dem in Schweinfurt so ähnlich war. Ich habe ihn noch ein drittes Mal heimgeholt. Am nächsten Tag pinkelte er mir auf mein Federbett, das hatte er in seinem Leben noch nie gemacht. Da habe ich die Tür aufgemacht und ließ ihn gehen. Er lebte fortan wohl draußen, kam aber regelmäßig morgens und abends an seine Futterstelle und lag auch zwischendurch am gleichen Platz wie in Schweinfurt in der Sonne. Ich bin fast täglich hingefahren und habe Josefin und Jens palettenweise mit Futter versorgt. Optisch ist es mir gelungen, ihn auf dem Stand einer Hauskatze zu halten, auch habe ich Wurmkuren gemacht. Geimpft war er aber nicht. Das junge Paar zog im Dezember 1999 weg, ich schrieb einen Brief an die vermeintlichen Nachmieter und schilderte seinen Werdegang. Doch zunächst zog niemand in dieses Haus. Ich weiß noch, wie ich Heiligabend 1999 abends um acht in Eiseskälte heulend auf den Stufen an der Haustür gesessen habe, Tom auf den Knien in meinen Mantel gegen die Kälte eingemummelt. Es hat mir jedes Mal fast das Herz gebrochen, ihn dort draußen in der Kälte zurückzulassen, aber er hatte sich sein neues Leben so ausgesucht. Ein halbes Jahr lang bin ich jeden Morgen und jeden Abend dort hingefahren und habe ihn gefüttert und mit ihm geschmust, ihn gebürstet und mit ihm gespielt. Dann zog ein neues Ehepaar in das Haus. Der Vermieter hatte meinen Brief abgegriffen und den neuen Mietern übergeben. Die hatten selbst schon eine Katze und haben Tom sofort als Zweitkater angenommen. Tom hat die ältere Dame offenbar mit der Nachbarin in Schweinfurt in Verbindung gebracht. Ganz ganz vorsichtig freundete er sich nämlich mit ihr an. Irgendwann kam er sogar in ihre Wohnung. Und: er ließ sich von der alten Dame auf dem Arm nehmen. Das durfte bis dahin nur ich und sonst niemand. Da wusste ich, dass er ein neues Zuhause gefunden hatte. Ich habe mich zuerst wöchentlich, später dann in größeren Abständen bei dem Ehepaar gemeldet. Tom ging es immer hervorragend. Er lebte dort wohl so, wie er mit mir in Schweinfurt gelebt hatte. Eines Tages im Juni 2001 rief das Ehepaar bei mir an, um mir mitzuteilen, dass sie Tom zum Tierarzt gefahren haben und der ihn einschläfern musste. Er war davor einige Zeit nicht mehr zu ihnen gekommen und als er kam sich zum letzten Mal zu ihnen schleppte, hatte er die nasse Form von FIP im letzten Stadium kurz vor dem völligen Zusammenbruch. Sie konnten nur noch von seinem Leid erlösen. Wir haben ihn auf der wilden Wiese hinter dem Haus begraben und ich muß immer noch furchtbar weinen, wenn ich an ihn denke.
 

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