Ich steh lange vor der Schranke: Soll ich reingehn oder nicht?
Mir ist schon ganz flau im Magen, so als stünd ich vor Gericht,
schließlich setze ich den Helm ab und geh langsam durch die Tür,
hinter der sie dich verstecken. Warum bin ich eigentlich hier?

Der Pförtner schielt durchs Sprechoval: Wo wollen Sie denn hin?
Ich sag: Ich will zu AnnePahl, die ist doch hier noch drin..?
Er mustert mich, greift dann zur Bild, wirft einen Blick hinein:
Die Treppe hoch zur Station sechs, da läßt man Sie noch rein..

Dann steh ich vor der Tür zu Station sechs, die Tür ist dicht,
und ich drücke auf die Klingel, denk: Geändert hat sichs nicht,
und ich hör den Schritt der Schwester und den Schlüssel in der Tür,
jetzt kann ich nicht mehr weg hier, ich bin da, aber wofür?

 Und du bist hier,
 und ich weiß genau, warum,
 bist nicht wie wir,
 das bringt dich um.
 Ich wußte, daß ich dir nicht helfen kann,
 von Anfang an.
Die Schwester läßt mich ein, sie sagt: Besuchszeit ist jetzt nicht,
dann sitz ich doch vor dir, sehe dein Gesicht,
aufgeschwemmt und teigig, und ich weiß doch, wie du früher warst,

Deine Worte kommen langsam, als ob du betrunken seiest,
und ich hör fast den Gedanken, der in deinem Schädel kreist:
Nichts zeigen, nur die Maske, hinter der du deine Welt verwahrst.

Und ich sehe deine Haare, deine Augen, deinen Gang,
und ich spüre, das bist du nicht, die machen dich hier krank,
ich denke an dein Lächeln und an dein schönes Haar
von früher, stumpf und glanzlos jetzt, wie stolz ich auf dich war.
 

  Und du bist wieder hier,
 und ich weiß genau, warum,
 bist nicht wie wir,
 das bringt dich um.
 Ich wußte, daß ich dir nicht helfen kann,
 von Anfang an.
Ich frag dich noch pflichtschuldig, was ich dir mitbringen soll,
die Schwester wird schon ungeduldig, doch ich hab den Kopf so voll,
du stehst auf und gehst ganz langsam, mit kleinen Schritten zu der Tür,
die Klingel triffst du fast nicht mehr, dafür die Blumen neben dir.

Die Schwester meidet meinen Blick, ich seh wohl seltsam aus,
sie denkt, der Rocker holt wahrscheinlich bald die Fahrradkette raus,
ich kann dich nicht berühren, du bist so weit weg von mir,
so befehl ich mir zu gehen, und ich hasse mich dafür...

 Und du bist hier,
 und ich weiß genau, warum,
 bist nicht wie wir,
 man bringt dich um.
 Aber langsam, damit keiner sieht,
 was hier geschieht.

 [Der Besuch]  Juni 1986 
 

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