Eigentlich hatte ich schon gar nicht mehr damit gerechnet, mitgenommen zu werden. Längst war es nach zehn Uhr abends, außerdem Freitag. Die Autobahnraststätte lag ziemlich öde da, und nur noch wenige Züge und Pkw tauchten in die Lichtpfützen der Tankstelle, die Abstellplätze waren fast leer. Die Fahrer, die ich schon gefragt hatte, wollten mich nicht mitnehmen oder fuhren in Richtung Kassel weiter. Mein Ziel war Dortmund, über die Sauerlandlinie.

Der weißrote MAN, der nur kurz gehalten hatte, war mir sofort aufgefallen. Dem Kennzeichen nach aus Münster, auf der Heimreise vermutlich: vier Stunden Fahrt ab hier. Der Fahrer war ausgestiegen, kurz in der Telefonzelle verschwunden und gleich darauf wieder am Zug gewesen. Er umkreiste ihn einmal und prüfte dabei die Räder und Lichter. Dann pinkelte er in die Büsche und öffnete die Fahrertür. Er war sehr groß und schlank. Die Maschine sprang an, der Zug kroch auf mich zu und hielt vor dem Beschleunigungsstreifen neben mir. Auf der Beifahrerseite senkte sich die Scheibe; eine Stimme fragte: „Wohin willst du?“ „Nach Dortmund.“ „Dann hol deine Sachen rein“, sagte er und öffnete die Tür. Während er durch alle acht Gänge schaltete, verstaute ich meine Sachen auf der unteren Koje und versuchte ihn ein wenig zu beobachten. Er achtete aber nicht auf mich, sondern konzentrierte sich nur auf das Einfädeln in die Fahrspur. Erst als der Zug ruhig im großen Gang dahinrollte, sah er kurz zu mir herüber. Gesagt hatte er bis dahin immer noch nichts.

Das Wetter wurde schlechter. Regenböen schlugen gegen die Scheiben, die Wischer schoben die Wasserlinien zusammen, und das leise Laufen des Unterflurmotors wurde vom Singen der großen Reifen in den nassen Spurrinnen übertönt. „Darf ich rauchen?“, fragte ich ihn. Für einen Augenblick drehte er seinen Kopf zu mir herüber. Dann drückte er auf den Schalter für den Fensterheber und antwortete: „Wenn du das Fenster etwas offenläßt.. Wirf auch die Kippen da raus.“ Er hatte ein schmales Gesicht, einen kurzen, dunklen Vollbart und dunkle Locken, die eben über seine Ohren reichten. Und er sah sehr müde aus. Mir fielen seine großen Augen auf, sein Arm auf dem Schalthebel wirkte sehnig und angespannt. Er trug nur Jeans und ein T-Shirt, schien aber nicht zu frieren, obwohl im Wagen keine Heizung lief. Der Zug hatte schwer geladen. Mein Fahrer mußte viel und sehr genau schalten, am Gambacher Kreuz ging er herunter bis in den fünften Gang. Ständig war das Zischen der Luftunterstützung für Kupplung und Getriebe zu hören und das Pfeifen des Turboladers beim Zwischengas. Wir waren jetzt eine halbe Stunde unterwegs, und bis auf die wenigen Worte anfangs hatte noch niemand etwas gesagt. „Ich bin jetzt den dritten Tag unterwegs“, kam es unvermittelt. „Willst du Kaffee?“ „Gern, danke“, erwiderte ich etwas überrascht. „Wenn du was zu Essen willst, mußt du in der Kiste neben dem Sitz nachsehen.“ Dann schwieg er wieder. Wir arbeiteten uns jetzt mit voller Leistung die ersten langen Steigungen in Richtung Gießen hinauf. Auf der Überholspur zogen die leichter beladenen Züge vorbei, und jedesmal sah ich dann sein Profil in der Seitenscheibe, seine Bewegungen, wenn er schaltete und kuppelte, die ruhigeren Bewegungen am Lenkrad. Bergab mischte sich das Wummern der Motorbremse in das Laufgeräusch des Motors.

In der Kiste hatte ich noch einige Brote gefunden. Eines aß ich selber, die anderen legte ich auf die Ablage zwischen den Sitzen und goß Kaffee ein. Ohne hinzusehen nahm er den Becher und trank. Das Brot war blitzartig verschwunden. Offensichtlich hatte er Hunger. Ich begann meine eigenen Vorräte zu durchsuchen und förderte noch eine Tafel Schokolade zutage, die ich in Stücke brach und ebenfalls auf die Mittelkonsole legte. „Danke. Wo kommst du her?“ Auf sein Profil zu antwortete ich: „Ich habe in den Semesterferien Urlaub in Spanien gemacht. Jetzt will ich nach Hause nach Dortmund.“ „Warst du alleine unterwegs?“, kam die etwas erstaunte Frage. „Ja.“ Pause. Dann: „Du kennst dich aus mit Lastwagen, richtig?“ „Ich habe einen Bus-Führerschein, also Klasse Zwei. Außerdem fahre ich oft in Lkw´s mit.“ Ohne ein weiteres Wort griff er nach oben und förderte die Tachoschreiberkarten aus der Ablage zutage. Ich füllte eine Karte aus und legte sie neben ihn auf das Armaturenbrett. „Nur zur Sicherheit“, murmelte er mit Blick auf den Fahrtenschreiber. Dann fügte er hinzu: „Übrigens bin ich auch Student.“ Nun, das hatte ich schon geahnt. Ein wenig sarkastisch dachte ich, daß ich jetzt wohl um einiges in seiner Achtung gestiegen war.

Es ging wieder abwärts, der Wagen rollte an, die Motorbremse wummerte und hielt das Tempo nur knapp bei neunzig. „In den letzten drei Tagen bin ich quer über die Deutschlandkarte gefahren“, sagte er. „Zuletzt, bis sieben Uhr, war ich in Mainz, bei Dehren-Müller. Hinten sind fünfundzwanzig Tonnen Wein drauf. Hoffentlich hält mich heute niemand mehr an.“ Nach einer kurzen Pause redete er stockend weiter: „Mittwoch abend, zehn Uhr los, zwanzig Tonnen Holz für den Raum Mannheim. Als ich alle drei Kunden runter hatte, war ich schon wieder mit Stückgut für Passau unterwegs. Die Chefin hatte die Ladung über die Kraftverkehrsstelle Mannheim bekommen. Die Rückladung für Münster ab Mainz ging in einem Stück. Aber bis ich bei der Kellerei auf dem Hof stand, war ich auch schon wieder zwölf Stunden unterwegs gewesen. So läuft das eben...“ Stille. Ich beobachtete ihn. Seine Hand verließ den Schalthebel, fuhr durch sein Gesicht. Dann ein rascher Blick über alle Instrumente: die Skalenbeleuchtung ließ es gelb erscheinen; als er aufsah, lag sein Gesicht wieder im Schatten. Die Lichtreflexe der Entgegenkommer durch die nassen Scheiben schossen sein Profil herüber und verwischten die Konturen.

„Die Herbstmanöver haben wieder angefangen. Unten, etwa im Würzburger Raum, triffst Du auf der Bahn nur noch Amis. Die fahren auf Geräten herum, die eigentlich seit zwanzig Jahren verschrottet gehören. Keine Leistung, miserable Bremsen. Der Unfall neulich, als ein Raketentransporter in einem Dorf in ein Wohnhaus gerauscht ist.., hast du davon gehört? Die benehmen sich, als wenn sie Alteisen fahren.“ Ich wußte nicht, wie er plötzlich darauf kam. Warum erzählte er das? Er sah mich mit einem Mal mißtrauisch an. „Nun, ich will dir nicht auf die Nerven fallen. Hier auf dem Zug bin ich meistens alleine, bin es auch ganz gern. Dich habe ich nur mitgenommen, weil so ein Mistwetter war.... und weil du ein Mädchen bist.“ Er sagte das ganz selbstverständlich, wie es schien, ohne Hintergedanken. Der Zug rollte jetzt mit etwas mehr als neunzig bergab und wurde schneller. Er trat kurz auf die Bremse, der Anhänger schwankte im Rückspiegel, bis er wieder in den Spurrinnen lief. „Du hast keine Freundin?“, fragte ich, halb vorsichtig. „Nein.“ Das klang bündig. Es war zu spüren, daß es gleichgültig klingen sollte. Zugleich schaltete er herunter. „Warum fragst du?“ Er lächelte mich, wie mir schien, etwas spöttisch an. Ich machte eine unbestimmte Handbewegung. „Ich habe auf dem Zug viel Zeit zum Nachdenken, nächtelang. Vielleicht kommt nicht immer viel dabei heraus... Dies ist nicht nur ein Job. Das hat nichts mit Fernfahrer-Romantik zu tun; jedesmal am Ende der Ferien kann ich den Diesel nicht mehr sehen. Aber jeden Sommer sitze ich wieder hier. Irgendwie gehört dieser MAN schon fast ein bißchen zu mir, obwohl ich nicht der Stammfahrer bin. Ich habe seit drei Jahren keinen Urlaub gemacht, immer nur Lastwagen gefahren. Welche Freundin macht das schon mit?“ Wieder sah ich sein Gesicht in der Instrumentenbeleuchtung. Schilder kündigten eine Baustelle an, vorsichtig zog er das Auto auf den Seitenstreifen. Die gelben Blinklichter stachen durch die Scheiben und erloschen im Rückspiegel, mit der Motorbremse hielt er das Tempo auf achtzig. Dann ging es wieder bergauf. Konzentriert, die Lenkung sehr ruhig haltend, schaltete er in den siebten, sechsten Gang und ließ die Maschine ziehen. Hinter uns bildete sich eine Schlange. Die Baustelle war sehr eng, niemand wagte zu überholen. Es regnete immer stärker. Am Ende der Engstelle, wieder auf der Fahrspur, sah er mich an, blickte rasch wieder nach vorn. „Das ist nicht alles.“ Warum ich das sagte, weiß ich nicht. Die Pause bis zu seiner Antwort dauerte sehr lange. Als er schließlich sprach, kamen die Worte zögernd und langsam, als hätte er sich zu weit vorgewagt: es schien ihm mehr auszumachen, sich zu erinnern, als zu erzählen.

„Es war auf einer NATO-Übung und ist schon ziemlich lange her. Damals war ich neunzehn und fuhr einen Fünf-Tonner in einer Nachschubkompanie. Weil Übung war, hatten wir das gleiche Sauwetter wie jetzt, es war Oktober. Ich war in dem Alter noch nicht soweit, daß ich durchschaut hätte, was für ein Schwachsinn da abläuft. Die ganze Veranstaltung spielte sich nahe bei uns zu Hause ab. Außer unserem Verein waren auch zwei amerikanische Panzereinheiten dabei. Ich habe es am nächsten Tag in der Zeitung gesehen, ein Foto: auf einem Nachtmarsch hatte eine amerikanische Panzerhaubitze einen Käfer überrollt, genau auf der Fahrerseite. Ich hatte das Auto für die Dauer der Übung meiner damaligen Freundin geliehen.“ Er schaltete vom achten in den siebten Gang. Der Wagen machte einen Satz und ruckte in der Hängerkupplung. „Sie hatte nicht dringesessen. Sie hat mir nie genau erklären können, was der Wagen damals ausgerechnet auf dieser Straße zu suchen hatte. Jetzt ist sie verheiratet und hat einen Sohn.“ Seine Stimme war sehr deutlich und ruhig und leise. Ich goß noch einmal Kaffee ein und reichte ihm den Becher. Er schaltete wieder, nahm ohne hinzusehen den Becher und trank sofort. Daß der Kaffee sehr heiß war, schien ihm nicht aufzufallen. „Willst du durchfahren oder machst du noch eine Pause?“ Mir fiel keine andere Frage ein. Etwas verwirrt sah er mich an. „Mein Gott“, dachte ich, „hat der große Augen.“ Dann meinte er: „Gut, laß uns am nächsten Rasthof halten. Wir müssen auch noch tanken.“ Die Schilder tauchten im Schweinwerferlicht auf: Raststätte tausend Meter. Der Wagen arbeitete sich die Steigung hinauf, dann gingen wir auf den Verzögerungsstreifen und bremsten ab. Er schaltete durch alle Gänge herunter und hielt an der Dieselzapfsäule für Lkw. Der Tankwart kam und schraubte den Tankverschluß ab. Er rief ihm zu: „Hundert Liter in den linken Tank!“, sprang aus der Tür und ging mit den nötigen Papieren zur Kasse.

Ich suchte inzwischen die Toilette. Beim Händewaschen musterte ich mich im Spiegel: braunes Gesicht von der Sonne, Haare fast schwarz geworden, schmale Augen. Was sollte das? Ich schlug mir Wasser ins Gesicht, dann öffnete ich die Tür und ging zum Zug zurück. Er saß schon auf dem Fahrersitz, tauschte die Tachokarte aus, sah kaum auf: „Komm, wir müssen weiter.“ Wieder auf der Bahn, sagte er: „Wir müssen uns beeilen. Im Verkehrsfunk sind Schwertransporte mit Überbreite angesagt worden. Die sind vielleicht zehn Kilometer vor uns, wir müssen sie kriegen, bevor die Strecke wieder zweispurig wird. Sonst hängen wir dahinter. Er fuhr jetzt möglichst schnell, oft standen fünfundneunzig Kilometer auf dem Tacho, auch die Betriebsbremse setzte er öfter ein. Sein Fenster war geöffnet, so daß ein leichter Luftzug durch das Fahrerhaus strich. Ich zündete mir die erste Zigarette an. Nach zehn Minuten warf ich die Kippe aus dem Fenster und sagte: „Tut mir leid.“ Er brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, was ich meinte. Dann lächelte er zu mir herüber. Ich freute mich über das Lächeln. „Hast du noch Kaffee da?“, fragte er mich. Als ich gerade die Tasse eingoß, hörte ich ihn fluchen.

Im Aufblendlicht waren die plumpen Umrisse von Panzern auf Tiefladern zu erkennen. Monströse Schildkröten, überzackt vom gelben Blinklicht des Schlußfahrzeugs; nässeglänzend, die Geschützhälse verhüllt, krochen sie unendlich langsam voran, bergauf. Selbst im Dunkeln war der fette, beißende Qualm zu sehen und vor allem zu riechen, den die antiken, asthmatischen Sattelschlepper aus den beiden senkrechten Auspuffrohren spuckten. Es mochten vielleicht zwanzig Fahrzeuge sein, und obwohl wir mit mehr als vierzig Tonnen Gesamtzuggewicht voran schlichen, waren wir immer noch doppelt so schnell. Die Streckenführung war noch dreispurig. „Das waren noch nicht alle“, murmelte er gereizt. „Wenn die nächste Kolonne kommt, ist alles schon zweispurig...“ Für die folgenden fünfzehn Kilometer blieb aber alles ruhig. Siegen glitt vorbei, wir kamen ins Hochsauerland. Olpe, Kreuztal stand auf den Schildern. Noch eine Stunde bis ins Ruhrgebiet, dachte ich mir. Vor uns lag die große Autobahnbrücke bei Olpe, die einen Bogen macht und im Auslauf eines Gefälles liegt. Dann ging alles sehr schnell.

Mit zwei raschen Bewegungen schaltete er alle Schweinwerfer ein, Nebel- und Fernlicht hüllten den grünen Panzerturm in einen nassen, blinkenden Vorhang. Der Tieflader war links zusammengebrochen und stand fast quer, der Panzer war schräg auf die linke Spur gerutscht, stand mit einer Kette noch auf dem Tieflader, das Geschützrohr blockierte die Fahrbahn wie eine Schranke. Außer unseren Scheinwerfern brannte kein einziges Lämpchen, niemand war zu sehen. Bis auf ein Stückchen der linken Fahrbahn war nichts mehr frei, und die Lücke war zu eng. Ich dachte an die fünfundzwanzig Tonnen Wein und die achtzig Meter bis Olpe hinter dem Geländer. Dann sah ich ihn neben mir bremsen und den Zug nach links ziehen, hörte die Maschine beim Zwischengas heulen und das Krachen im Getriebe, als er vom achten in den fünften Gang ging. Der Zug schwankte beim Spurwechsel, die Hinterräder rutschten, dann kam der Anhänger quer. Die Maschine drosch mit lautem Knallen das Geschützrohr zur Seite. Der querschleudernde Anhänger wurde voll von dem zurückpendelnden Rohr getroffen, so daß der ganze Zug, statt umzukippen, wieder auf seine zehn Räder zurückfiel und zur anderen Seite schleuderte, nach links, auf das Geländer zu. Er durchbrach es und blieb auf dem Rahmen der Zugmaschine liegen. Die Scheinwerfer links brannten noch, ihr Lichttunnel fand keinen Reflex, sondern verlor sich über der Stadt unter uns. Dann begann es penetrant nach Wein zu riechen.

[Der Panzer]  1985

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