Der Weltmeister

Die Luft war gelb geworden. Nachdem die Sonne langsam von den grauen Streifen erdrückt worden war und die Lichtbahnen nur noch matte Reflexe auf die Dächer der Häuser und Blöcke zeichnete, stach der Schnee wieder scharf von den dunklen Gras- und Asphaltflächen ab. Langsam dämmerte es; die roten Ziegeldächer nahmen das Tageslicht auf, und die Lichter eines Hubschraubers schwammen langsam zu Boden: Ab und zu sieht man schon den Rettungshelikopter, hören kann man ihn hier nicht.

Er ließ das Licht ausgeschaltet. Langsam kamen die Wörter: „Gut, daß die Maschine jetzt steht. Bei dem Wetter. Peter wird sich ärgern, immer mit dem Fahrrad zu fahren. Aber bald ist ja wieder Frühling.“ Stockend: „..Vielleicht bald...“

Er begann zu erzählen. „Ich war damals mit der 750er nach Mailand gefahren. Es ist so ein schönes Gefühl, die bepackte Maschine aus der Stadt auf die Bahn zu lenken, dann die Kilometer zu fressen, die Tankstopps, Öl prüfen, Luft, und immer den Motor zu spüren, der einen voranzieht, immer nur zieht. Dann die Alpen; der Gotthardttunnel war nicht fertig. Also fuhr ich über den Paß; da lag meterhoch Schnee, dann vor mir: Italien. Die ganze Zeit war schönes Wetter, und ich war mit meiner Maschine alleine. Morgens um drei Uhr losgefahren, abends um sechs Uhr war ich im Hotel Agip in Mailand. Das war eine so schöne Fahrt gewesen, daß ich mir fast schon gewünscht hätte, gleich weiter zu fahren..“

Pause.

„Ich habe damals im Vierer ohne gesessen. Weißt du, was das ist? Das schönste Rennboot, das du fahren kannst: schnell, anspruchsvoll, handlich, nicht so ein schwerer Achter, der erst angeschoben werden muß, aber auch nicht so ein kleines Holzstück wie ein Zweier oder Einer, die nur geprügelt werden .. nein, nicht geprügelt, aber in denen nur gearbeitet wird, wo das Laufen so schwer zu erreichen ist. Das ist überhaupt so ein Wort: laufen. Eigentlich fliegt ein Rennboot, es fliegt wie ein Vogel durch das Wasser, mit den Riemenflügeln. Die Flügel der Schiffe waren ja nicht die Segel, sondern früher, viel früher, die Ruder..
Rennruderboote sind die perfektesten Maschinen, die es gibt. Der theoretische Wirkungsgrad liegt bei über 70 Prozent, aber das nur am Rande. Sie erinnerten mich immer an Dampfloks. Seltsam, nicht?“ Er bewegte sich im Dunkel, das jetzt das Zimmer füllte. „Das Schubgestänge, die großen Treibräder, dieser Ausblick von Kraft und Bewegung selbst im Stand - irgendwie sind sie verwandt gewesen: die Galeeren, die Dampfmaschinen, mit den großen Rennruderbooten. Keine kleine versteckte Antriebseinheit, nein - eine große, sichtbare Maschine, die alles zeigt, was sie antreibt, eine Maschine eben, der Unterschied zu einem Motor.“

„Wir waren ein schnelles Boot gewesen, damals, als wir die Meisterschaft dort fuhren. Günther auf Schlag vor mir, ich fuhr auf dem Steuerbordschlagplatz. Hinter mir saßen Ralf und Oswald, und es war immer dasselbe Gefühl von Sicherheit und Freude, wenn wir zusammen aufs Wasser gingen. Fast immer lief das Boot von den ersten Metern an. So, wie es laufen mußte. Es ist fast nicht zu erklären. So etwas wächst zusammen, wird zu einer Einheit aus Boot, Händen, Beinen, Armen und Wasser, und alle vier Köpfe spüren dieselben Reaktionen: du mußt Fehler erkennen, bevor sie eintreten, mußt zeitgleich auf Spurts eingehen, ohne Verzögerung; blindes, nein, nicht blindes, schon telepathisches Verstehen. Ohne dies kann man keinen wirklich schnellen Vierer ohne fahren. Einen Achter, vielleicht, seltener einen Einer oder Zweier, aber nie einen Vierer ohne. Es ist ein Boot für Techniker, die keine Tiere sein müssen.“ Er lachte leise. „Tiere, das waren die Jungs aus dem Maschinenraum, dem Mittelboot, dem Dickschiffachter. Wir hielten uns für Besseres.. Keiner von uns war größer als etwa 195 Zentimeter oder schwerer als 87 bis 90 Kilo; die Tiere wogen auch schon mal über 100 Kilo. Aber wir hatten sie alle geschlagen. Und das war es, was uns so sicher machte, ein Superboot zu sein. Nun ja...“

Ich saß still, und er erwartete wohl auch nicht, daß ich irgendwie insistierte. Also schwieg ich. Wir kannten uns lange genug, um zu wissen, wann wir unser Gegenüber langweilten oder wann wir uns anschweigen durften, nur da waren. Später erzählte er weiter: „Als wir zur Strecke fuhren, war es schon fast dunkel. Wir nahmen unseren Vierer vom Hänger, riggerten ihn auf. Dann gingen wir noch kurz aufs Wasser. Wir stellten fest, daß nichts geändert werden mußte an den Anlagen. Im Hotel aßen wir dann zu Abend und warteten auf die anderen, die nach und nach eintrafen. Ich war der einzige gewesen, der auf eigener Achse angereist war.“

„Der nächste Tag brachte die Vorläufe. Gegen Mittag erst war unser Lauf, und die größte Hitze war noch nicht gekommen. Uns reichte ein zweiter Platz, wir fuhren ruhig und locker wie immer und befanden uns nach 1.500 Metern auf sicherer zweiter Position, mit zwei Längen Distanz zum Dritten. Den Russenvierer ließen wir ziehen. Ich hatte mit Günther und den anderen vereinbart, daß wir auf Platz fahren wollten. Schließlich brauchten wir nicht sofort alle Karten aufdecken. Die Russen, Sieger in unserem Vorlauf, waren der stärkste Gegner. Ihre Zeit war sehr gut für den leichten Wind, 6.05 Minuten. Wir hielten uns konstant eine halbe Länge dahinter und kamen bei 6.10 Minuten an“.

„Weltmeisterschaften sind immer etwas anderes als irgendwelche Rennen gegen womöglich auch starke Gegner. Da wird taktiert, gepokert, mit Gerüchten und gezielten Bemerkungen gearbeitet. Trotzdem bleibt zum Schluß immer nur noch das Rennen übrig.. Als wir dann am Sonntag nach dem Halbfinallauf zum Hotel zurückfuhren, war ich mir eigentlich ziemlich sicher. Ich war gut in Form, und den anderen ging es genauso. Um zehn Uhr lagen wir im Bett.“ Er hatte sich etwas zurückgelehnt, sein Gesicht wirkte im Schneelicht weiß. Ohne den Blick vom Fenster zu nehmen, fragte er: „Was erzähle ich dir das alles?“

Fast ohne Pause kamen dann die nächsten Sätze: „Der Finaltag war heiß, sehr heiß. Es war Wind aufgekommen, das Boot drückte immer nach Steuerbord weg beim Ausrichten zum Start. Dann zogen die Italiener ihren üblichen Fehlstart, sie versuchen´s ja immer. Ich war nervös geworden, sehr nervös. Nein, ich hatte sogar Angst. Mit den Jahren lernst du, die Angst von der Konzentration zu trennen. So saß ich also auf meinem Platz, das Boot ausgerichtet, einige Meter neben mir den Schlagmann aus dem Sowjetvierer. Ich wußte genau, dies waren unsere Gegner, niemand sonst. Wir alle acht wußten das. Etes vous prez partez, französisches Startkommando. Der erste Schlag lang, ruhig anschiebend, das Boot nicht aus der Richtung bringen, schnell und exakt die halben Schläge aus den Armen hinterher: und dann lang werden, anlaufen lassen, hoch die Schlagzahl über vierzig Schläge pro Minute, zwei schnelle Blicke zu beiden Seiten: Mitten im Feld. Auf Steuerbord die Russen, direkt neben mir; quasi mit Zeitlupenkamera nahm ich die Bewegungen des Steuermanns wahr, wir fuhren fast gleiche Schlagzahl, aber unser Boot lief nicht, es stampfte. Günther zischte: „Runter zwei Schläge“; der Rhythmus kam hinten an, sofort begann unser Vogel zu fliegen, länger, mit größerer Übersetzung. Trotz den kleineren Frequenz lagen wir gleich mit dem Gegner, nach vierhundert Metern. Die anderen Boote waren schon eine halbe Länge zurück.“

„So laß sie laufen“, dachte ich laut und sah an Günthers Rücken, daß er mich verstand, auch die anderen, die hinter mir arbeiteten, lang das Wasser vorne faßten, den Druck fanden, durchzogen und -traten. Das Boot duckte sich weich ins Wasser; wenn der Durchzug vorbei war, hob es sich ruhig beim Vorrollen aus dem Spiegel, elegant, ohne Beschädigungen zu hinterlassen als die Wirbel am Rumpf, die leise rauschten. Neunhundert Meter gefahren, zweite Stelle, Schlagzahl bei etwa siebenunddreißig, gleichauf mit dem russischen Schlagmann. Kein anderes Boot mehr im Rennen zwischen uns, und ein Gefühl von Glück, ganz kurz nur, machte sich breit in meinem Kopf: die schaffen wir!“

„Da sah ich am Blatt des russischen Schlagmannes das Wasser weißer werden. Auch Günther hatte es bemerkt. Ohne etwas zu sagen, begannen wir den Spurt zu erwidern, ohne höhere Schlagzahl, nur über den Druck. Oswald und Ralf merkten es sofort. Das Boot reagierte, wir kamen mit, die Distanz blieb gleich, nach etwa zwanzig Schlägen waren die Verhältnisse wieder dieselben, und wir waren etwas dichter herangekommen. Dreizehnhundert Meter liefen durch. Mein Kopf wurde langsam schwerer, ich spürte Arme und Beine, mußte sie zwingen, so locker und kontrolliert die Bewegungen zu verfolgen, die ich ihnen befohlen hatte. Das ist immer der übelste Augenblick in einem harten Rennen: zu merken, daß man sich selbst bekämpfen muß, nicht mehr nur die Maschine ist, die das Boot treibt. Wenn man gut ist, kann man das erst in der absoluten Spitze spüren. Aber jeder Anfänger merkt es auch in seinem ersten Rennen, und oft fällt mir dann mein erstes Rennen ein. Dieses Gefühl, über die eigenen Möglichkeiten hinausgehen zu müssen, um durchzuhalten oder zu gewinnen.. Immer hatte ich nachher das Gefühl, diese Grenze wäre noch nicht erreicht. Es war ja schließlich gegangen! Wo ist der Schluß? Die wirkliche Grenze? Die Verantwortung in einer Mannschaft verwischt dies auch. Ein Quantum Energie zum Übertragen von Willen auf die anderen muß übrigbleiben, das fehlt dir am Ende selber zum völligen Einsatz. Die Gesamtheit ist wichtiger, die Mannschaft als Einheit, vielleicht auch besser, schöner so. Läufer oder Einerfahrer kennen das vielleicht anders. Nein, sicher. Ich fahre Motorrad auch meistens alleine, bin ja auch alleine nach Mailand gefahren.. aber jetzt schweife ich ab, das gehört nicht ganz hierher.“

Wir hingen beide unseren Gedanken nach. Es muß einige Minuten still gewesen sein. Draußen fiel jetzt etwas Staubschnee. Seltsam, wie er sich an seinen Körper, seine Leistung klammerte.. Oder tat er das inzwischen nicht mehr so stark wie früher? Eine müde Stimmung schien sich in seinen Gesten und Worten zu zeigen, die ich kaum an ihm kannte. Er hatte sich irgendwie verändert.

„Fünfhundert Meter vor dem Ziel wurde uns klar, daß sich jetzt das Rennen entschied. Nur wir beiden Boote hatten die Entscheidung in der Hand. Wir nutzten die Tatsache aus, daß Führung Kraft kostet. Das hört sich einfach an, aber es ist oft schwerer, zu führen als zu folgen. Sicher war, daß die Sowjets immer noch mit ein bis zwei Schlägen höher fuhren als wir, aber nicht wegkamen. Bei siebzehnhundert Metern begann ihr Endspurt, wir konterten. Langsam, ganz langsam gingen wir vorbei. Wie mit einem anderen Kopf hörte ich die Tribüne toben, und im Ziel hatten wir einen Vorsprung von einer zehntel Sekunde. Bis dahin hatte ich noch nie ein härteres Rennen gefahren. Günther hatte die Schlagzahl auf den letzten zweihundert Metern von siebenunddreißig auf über vierzig gesteigert. So hatten wir noch nie gewonnen. Als der Spurt kam, wollte ich es fast nicht glauben: „Das kann nicht sein“, dachte ich, „das ist unmöglich!“ Aber so war es gekommen, und wir waren Weltmeister geworden. Ich konnte nicht alleine auf den Siegersteg klettern, und den anderen ging es genauso. Unsere Zeit lag bei 5.56 Minuten. Sie ist seitdem nie wieder auf dieser Strecke unterboten worden im Vierer ohne, und auch der Achter war nur sechs Sekunden schneller gewesen.“

Abermals schwiegen wir. Dann sah ich seine resignierte Bewegung; mit dem rechten Arm angelte er nach dem Griff am Galgen über seinem Bett und sah mich voll an: „So war das...“
 

[Der Weltmeister]             Januar 1985
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