Aus der Musik in die Nacht:
Müde Luft schleppt sich durch Regengeriesel.
Der Westwind hat endlich die Wärme gebracht,
und vom Bahngleis stinkt es laut nach Diesel.

Die alte Brücke übers Gleis gibt es nicht mehr,
kein Dampflokpfeifen fegt mehr durch die Stille,
und das Gefängnis steht noch da, genauso schwer,
mit Mauerstacheln, - als sei es Gottes Wille.

Von links Getriebekrachen - fast tut es weh.
Dort pfeifen Zwillingsreifen in den Rinnen,
gefüllt mit Wasser. Wo ich steh,
tropft Zeit vom Dach und will in mir gerinnen.

Das Licht der Züge tastet sich in meine Ecke,
dann wischt es blinkend übers Glas der Tür.
Es zieht der Wind die Tropfen aus der Hecke,
protestierend trommeln sie den Boden; meine Uhr zeigt vier.

Jetzt gehe ich nach Norden, die Brücke übers Gleis
ist plötzlich wieder da. Ich merk, sie bebt
unter dem Schritte. Ihr Stahl ist nur wie Eis,
ich warte in der Mitte. Schließlich schwebt

vom Himmelsrand das Licht der Dampflok zu mir hin,
steht erst, wird groß, ein Dreieck dann
aus weißen Punkten, Feuer, Lärm. Ich bin
jetzt ganz allein: Dann springt der Qualm mich an

und hüllt mich in Geruch von Kohlenstaub und Dampf.
Ich steh in einer Kammer mit dunklen Wolkenwänden.
Die Angst verfliegt, in mir löst sich ein Krampf,
und vom Geländer fliege ich mit offenen Händen.
 

[Fernweh]  Januar 1979

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