Die Nordschleife
(M)eine Leidenschaft im Grenzbereich.

Adenau, 18. Juni 1927

Ein verschlafenes Dorf in der Eifel erwacht zum Leben. Fast zwei Jahre lang haben über 1.000 Arbeiter mit Hacke und Schaufel geschuftet. Mit damals 174 Kurven auf 28,265 Kilometern Länge und einem Höhenunterschied von 292 Metern windet sich eine Asphaltschlange durch die malerische Landschaft. Die „Allgemeine Renn- und Prüfstraße” wird eröffnet.

Adenau, im Sommer 1992

Es ist warm unter meinem Helm. Die Protektorenkombi klebt auf der Haut. Es riecht nach Rennöl und nach Lederfett. Mein Mund ist trocken. „14 Mark”, sagt der alte Mann an Start und Ziel der „Grünen Hölle” und reißt eine Karte ab. Herzklopfen bis zum Hals. Ich zittere so sehr, daß ich kaum bezahlen kann. Diese verdammte Angst! Ich atme noch einmal tief durch, schließe das Visier - und los geht´s.

Adenau, 31. Oktober 1993

Ein spätherbstlicher Sonntagmorgen. Der Wind ist eisig, die Sonne zum Wärmen zu schwach. Die freien Flächen sind rauhreifbedeckt. Es ist bestimmt das letzte Mal in diesem Jahr. „Hallo”, lächelt der alte Mann an Start und Ziel und klebt uns einen gelben Punkt auf die Scheibe. Die Jahreskarte brauchen wir nicht vorzuzeigen. Vier, fünf Runden wollen wir drehen vor dem Frühstück. Wir fahren los, rauf auf die größte Achterbahn der Welt. Wie an der Schnur gezogen durchqueren wir das Hatzenbach-Geschlängel. Quiddelbacher Höhe, Flugplatz, Schwedenkreuz. Wir haben flotte Gangart drauf. Der Atem geht schneller, das Visier beschlägt von innen. Bremsen, schalten, vierter, dritter Gang. Die 90-Grad Aremberg-Kurve ist nicht ohne. Fuchsröhre. Vollgas. Für einen genußvollen Blick auf die Schönheit der Landschaft bleibt jetzt leider keine Zeit. Am Adenauer Forst die Kurve anfahren, schon bevor man sie sieht. Metzgesfeld, Kallenhard. Verdammt - zu schnell, zu schnell. Es geht bergab. Hart bremsen, zweimal schalten, spät rein, aber ganz tief. Die Fußraste kratzt, länger als sonst, dann ist es vorbei. Wehrseifen, Brücke Breidscheid, Exmühle. Bergauf wünsche ich mir zu den 98 noch 40 Pferdchen hinzu. Bergwerk, Kesselchen, Klostertal. Bei Tempo 235 verschwimmt die Landschaft zu einem Meer aus Herbstfarben. Auf der Innenseite des Visiers sammeln sich Tautropfen, die Luft riecht nach Frost. Steilstrecke, Karussell. Betonplatten, nach innen abfallend im 180-Grad Rondell. Ratata, ratata, ratata. Beim Rausbeschleunigen präzise über den weißen Fleck fahren. Hohe Acht, Wippermann. Die höchsten Punkte der Strecke. Nebelschwaden, Schnee auf den Tannen. Am Zaun ein Reh. Eschbach, Brünnchen. Meine Lieblingskurvenkombination. Die Zuschauer auf dem Parkplatz bilden eine gigantische Kulisse. Der Pflanzgarten mit seinen Sprunghügeln. Schwalbenschwanz, auch das kleine Karussell genannt, Galgenkopf, dann die Döttinger Höhe. Die Sicht ist klar. Zur Rechten ragt die Ruine der Nürburg in den strahlend blauen Himmel. Ein jähes Glücksgefühl macht sich breit, mir wird ganz warm. Der alte Mann an Start und Ziel lächelt und winkt mich vorbei. Ich atme tief durch und schließe das Visier. Erster, zweiter, dritter Gang, und runter geht´s zum Hatzenbach-Geschlängel.

Aus meiner ersten Runde wurden gleich zehn, inzwischen sind es über 100*. Die faszinierende, ja magische Anziehungskraft der Rennstrecke ist bis heute erhalten geblieben. Wer die Nordschleife einmal erfahren hat, kommt immer wieder. Sie schmückt sich mit großen Namen wie Caracciola, Surtees, Rindt und Icks. Sie hat sich ihren Charakter über Jahrzehnte erhalten. Nicht umsonst heißt es: Der Nürburgring. Das hast Du noch nicht erlebt.

Dagmar Hollenstein, 1.11.93
*Stand 1999: ca. 450

 

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