Es war mal wieder allerhöchste Zeit für dich.
Dabei gings dir vorhin doch noch so gut.
Dein Alltagskram erschien dir nur lächerlich,
woher nahmst du nur diesen Mut?
Jetzt sitzt du draußen auf den Stufen,
heulst Rotz und Wasser, langsam wird dir klar:
Die Geister, die du jahrelang gerufen,
sie sind gekommen, und sie bleiben da.

Es nützt nichts, sie in Altbier zu ersaufen,
per Flaschenöffner läßt du sie heraus,
dann stehn sie vor dir, und du möchtest laufen,
weißt nicht wohin, nur weg aus diesem Haus.
Dort drinnen feiern sie jetzt alle weiter,
was wirklich mit dir ist, kapiert kein Aas,
nun stehst du wieder unten vor der Leiter,
und wieder hochzukommen, ist kein Spaß.

 Schrei, wenn du kannst, weine nicht heimlich,
 zeig auch deine Angst, nicht nur deinen Mut,
 schrei doch vor Angst! Aber das ist dir peinlich,
 du hast ja nie Angst, dir gehts ja so gut.
Du wolltest es doch immer wieder wissen:
Was schafft dich, welche Grenzen sind gesetzt?
Nun beißt du nachts vor Schmerz oft in dein Kissen,
du weißt jetzt, wo Freund Hein die Sense wetzt.
Nicht einmal Narben willst du an dir dulden,
doch daß die Bombe in dir tickt, ist dir doch klar:
Gib ruhig zu, du hattest bei dir Schulden,
die zahlst du jetzt, mit Zinsen, Jahr für Jahr.

Freut es dich wirklich, wenn sie zu dir sagen:
„Wie du das alles schaffst, ist schon ganz toll!“
Bist du dir sicher, kannst du wirklich wagen,
die Grenze nochmal zu passieren und den Zoll?
Tu nicht so, als sei alles ein Kinderspiel,
deine Schmerzen, deine Angst, dein Kampf bis jetzt:
Kannst wieder laufen, lachen, lieben: Das ist viel
für eine Drahtseilnummer ohne Netz.

 Schrei, wenn du kannst, weine nicht heimlich,
 zeig auch deinen Schmerz, nicht nur deinen Mut,
 schrei doch vor Angst! Aber das ist dir peinlich,
 du hast ja nie Angst, dir gehts ja so gut.

[Nur keine Angst]  12. April 1986
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