Offiziell ist Frühling, aber darum schert sich der Winter nicht in der Eifel. Während ich die Maschine im üblichen Regen die letzten Kilometer bis zum Nürburgring bergauf treibe, freue ich mich laut darüber, daß es wenigstens nicht schneit. Pustekuchen. Bis zum Fahrerlager heißt es: Ski und Rodel gut, nichts geht mehr für heute.  ..Selber Schuld. Man sollte nichts berufen.

Eine Woche später, Ostern. Sonne, zwanzig Grad, kaum Wind. An Start und Ziel der Grand-Prix-Strecke ist der Bär los. Über hundert Motorräder und ein paar Autos lassen den Schnee von letzter Woche vergessen. Es riecht nach warmem Asphalt und verbranntem Motoröl, die Luft vibriert, wenn die Maschinen aus der Boxengasse schießen. Der Kontrolleur zeichnet meine Karte ab. Während der ersten Meter bis zum Hatzenbach bin ich richtig nervös, ich muß mich zwingen, ruhig zu atmen. Das Abwinkeln in Schräglage geht noch etwas eckig, und in den schnellen Abschnitten Flugplatz und Schwedenkreuz tut es auch Dreiviertelgas. Am Adenauer Forst stehen sie dicht an dicht hinter der Leitplanke: Fliegt er oder fliegt er nicht? Er fliegt nicht, jetzt läuft es rund, ruhig und sicher. Das Karussell, die überhöhte Kurve, weckt Erinnerungen: Mein erster Sturz auf dem Ring, das Motorrad Totalschaden an der Planke, ich keinen Kratzer. Bloß hier nicht aufsetzen! Dann Brünnchen, Pflanzgarten, Schwalbenschwanz. Allmählich finde ich meinen Strich wieder. Am Ziel fühle ich mich, als hätte mich jemand freigelassen. Doch noch nichts verlernt. Nach Hause fahre ich so sicher und gelöst wie seit Monaten nicht mehr. Bis auf einen besorgten Blick nach hinten oben: Es wird doch nicht.. - Nur nichts berufen!

[Ringfrühling]  April 1988
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